Dings im Abendlicht
was wahr ist

Frühling irrt sich nicht

Das Jetzt ist immer da. Langsam genug, den Fluss der Zeit dauerhaft umzuleiten, und doch so kurz, so schnell, dass man es am besten im Rückspiegel erkennen kann.

Doch der Frühling lässt sich Zeit.

Selbst wenn wir die Augen zusammenkneifen, ein bisschen abwarten und dann zusehen, wie alles klein wird, verschwimmt und im Blau verschwindet, sehen wir ihn nicht. Selbst die Sonne versteckt sich, in dunklen Pfützen von geschmolzenem Schnee und Dreck, zwischen den Kieseln und unter Resten von Feinstaub. Alles, was wir jetzt noch haben, sind die Blätter vom letzten Jahr, die alten Schlagzeilen. Was noch ist, ist eine Geige, ein bisschen Musik mit klammen Fingern; ein Stück Schnee und eine aufgerauchte Kippe; ein Restleben in Form eines Asts; ein Bild von einem Vogel, den keiner sieht. Und was uns bleibt, sind die alten Parolen vom letzten Sommer. Wir können nur still stehenbleiben, die nassen Blätter, die letzten Schneeflocken betrachten, zwischen Dornen und den letzten Blüten vom Herbst, und zusehen, wie weiter Schnee darauf fällt. Es schneit weiter, weiter, weiter und wir frieren. Zusammen sind wir Feuer, sind wir alleine, ist uns kalt.

Nicht mehr lang, dann werden die Ketten sich lösen und der letzte Schnee wird verschwinden. So lange spähen wir hinter Vorhängen hervor und sehen nach, wie kalt es aussieht. So lange warten wir, bis der Tee nach Minze, Orangen und Honig schmeckt, orientieren uns an Großbuchstaben, sitzen vor den neuen Parolen, wir denken daran, wie wir fliegen konnten, und warten, bis die Katze winkt, damit endlich die Sonne zurückkehrt. Dann werden wir es einfach ausprobieren, einmal vorsichtig die ersten Schritte daraufsetzen, wie kleine Kinder, und sehen, ob es trägt. Wir werden Zeichen sehen, Zeichen setzen und einem Pfad folgen. Und es wird uns egal sein, dass er in die Unendlichkeit führt.

Der Frühling irrt sich nicht.

                                      

Tempelhofer Freiheit | März 2013

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